
Analog UND Digital – Kirche der Zukunft ist hybrid
21.04.2026 |
In der Pastoral hält sich ein hartnäckiges Vorurteil: Die Kirche sei ein rein analoger Raum für eine Generation, die mit der digitalen Welt nichts anfangen kann. Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Holger Sievert widerspricht im Interview mit katholisch. de entschieden. Seine Botschaft: „Die Zukunft der Kirche wird hybrid sein.“
Doch wie weit sind die evangelische und katholische Kirche in Deutschland in der „Kultur der Digitalität“[1] angekommen? Diese Frage untersucht bald eine neue „DIRK“-Studie.[2] „DIRK“ steht für „Digitalisierung im Raum der Kirchen“. Die Studie will klären, welche Rolle künstliche Intelligenz in kirchlichen Abläufen spielt, wie sie bewertet wird, welche Formen digitaler Seelsorge entstanden sind und welche Apps genutzt werden. Die Macromedia-University Köln unter Leitung von Prof. Dr. Holger Sievert führt die Studie durch, in Zusammenarbeit mit dem Versicherer im Raum der Kirchen (VRK).
Bereits die Vorgängerstudie „DIRK 2023“ hatte über 5000 evangelische und katholische Teilnehmer. Auch bei „DIRK 2026“ sind Landeskirchen, Bistümer sowie caritative und andere kirchliche Einrichtungen eingeladen, sich zu beteiligen. Um Vergleichbarkeit zu gewährleisten, greift die neue Studie Fragen der Vorläuferstudie auf. Doch da sich Technologien weiterentwickelt haben, ergänzt sie neue Themen wie künstliche Intelligenz, digitale Seelsorge, Podcasts und Apps. Prof. Sievert betont: „Uns war wichtig, diesmal auch kritische Aspekte wie Social-Media-Sucht, die Nutzung von Shadow IT bei KI-Tools oder die geografische und religiöse Verortung christlicher Influencer zu beleuchten.“[3]
Im Interview mit katholisch.de-Redakteur Felix Neumann zieht Sievert Lehren aus der ersten DIRK-Studie und wagt Prognosen für die neue Untersuchung.[4] Hier die zentralen Erkenntnisse:
1. Der digitale Vorsprung der Kirchenmitglieder
Kirchenmitglieder in Deutschland sind digital aktiver als der Durchschnitt der Bevölkerung – sie liegen zwei bis drei Jahre voraus. Das liegt vor allem an ihrer höheren Bildung und ihrer Technikaffinität. Für die Pastoral bedeutet das: Die digitale Kommunikation hat bei Kirchenmitgliedern großes Potenzial, auch bei jenen, die nicht regelmäßig Gottesdienste besuchen.
2. Senioren als digitale Wachstumsgruppe
Die stärksten Zuwächse bei der Internetnutzung verzeichnen die Über-80-Jährigen. Ob für den Kontakt zur Familie oder zur Information – die ältere Generation ist längst online.
Die pastoralen Kerngemeinden bilden hier oft eine Ausnahme, da sie digital weniger aktiv sind. Das birgt Risiken: Wer pastorale Konzepte nur auf die analoge Kerngemeinde ausrichtet, erreicht die Mehrheit der digital kommunizierenden Mitglieder nicht.
3. Junge Seelsorger und das digitale Paradoxon
Eine überraschende Entwicklung zeigt sich beim pastoralen Personal: Die digital affinsten Seelsorger sind oft zwischen 50 und 60 Jahre alt. Junge Berufsanfänger hingegen neigen zur „Analog-Nische“ und sehen den kirchlichen Dienst als Gegenentwurf zur digitalen Welt.
Sievert warnt: „Lässt man diese Entwicklung ungebremst, wird die Kirche konservativer und undigitaler.“[5] Medienkompetenz müsse daher schon in der Ausbildung vermittelt werden.
4. Institutioneller Nachholbedarf und neue Konkurrenz
Während die Mitglieder digital weit vorne liegen, bleibt die kirchliche Organisation als Ganzes zurück. Die Digitalisierung kommt nur schleppend voran.
Diese Lücke füllen andere: Nationale und internationale Influencer – von progressiv bis konservativ – erreichen online Menschen, die der verfassten Kirche oft fernstehen. Sie setzen Themen und binden Gemeinschaften. Die neue Studie soll hierzu Erkenntnisse liefern.
5. Digitalisierung als Antwort auf Ressourcenknappheit
Sinkende Mitgliederzahlen und knappe personelle Ressourcen machen die Digitalisierung zur Chance. Sie kann Prozesse effizienter gestalten, ohne das Analoge zu verdrängen. Kirche sollte sich lokal vernetzen und mit Vereinen und Institutionen kooperieren, die digital präsent sind.
Teilt man den Aufwand, etwa für Social Media, auf mehrere Schultern, wird die Aufgabe machbar, so Sievert. Denn Kirche muss dort sein, wo die Menschen sind – und das ist heute oft der digitale Raum.
6. Die hybride Zukunft gestalten
Für Sievert steht fest: Die Kirche der Zukunft muss analog und digital sein. Sie bleibt ein Ort der Gemeinschaft, braucht aber zugleich eine professionelle digitale Präsenz. Nur so bleibt sie in einer digitalisierten Gesellschaft relevant und erfüllt ihren Verkündigungsauftrag auch in Zukunft.






