
KI und Literatur
28.11.2024 |
KI als Thema ist schon lange in der Literatur angekommen. Als Fachbuch aber auch in der Belletristik. Hier zwei Empfehlungen und einige weitere Hinweise.
Kate Crawford: Atlas der KI
Die materielle Wahrheit hinter den neuen Datenimperien. C. H. Beck Verlag, 32 Euro (ISBN: 978-3-406-82333-6)
Aus der aktuellen Flut an Veröffentlichungen zur KI sticht Kate Crawfords Atlas der KI heraus, denn sie bietet einen oft provokanten, aber doch grundsätzlichen Text: eine Neuverortung der KI und landläufiger Meinungen und Mythen.
In Form eines Atlas, um „die Welt neu zu lesen (und) disparate Teile auf andere Weise (neu) zu verknüpfen“. Mit klaren Worten zeigt sie, wohin die aktuelle Entwicklung driften kann, wenn wir KI und deren Folgen nicht klar benennen und einordnen.
In den sechs Kapiteln des Buches reist Kate Crawford quer durch die Welt, von den Orten des Ressourcenabbaus über Orte, an denen die KI die Arbeit verändert, hin zu den Orten alter Machtsehnsüchte im neuen KI-Gewand. Und überall zeigt sie, dass KI vieles ist, nur „weder künstlich noch intelligent“, dass KI kein Allheilmittel ist für Fragen der Arbeit- und Ressourcenknappheit, sondern „eine Technologie der Extraktion“, die alles Knappe abschöpft. Crawford erklärt, dass KI „aus menschlicher Arbeit gemacht“ wird und ein „Fortschreitender Überwachungs-Kapitalismus […] grundlegende ethische, methodologische und erkenntnis-theoretische Probleme“ aufwirft. Ganz besonders deshalb, da die KI „Technische Schablonen forciert (und) Ungleichheit“ vergrößert und alle Entwicklungen geprägt werden von einem halben „Dutzend Unternehmen […], die die globale Datenverarbeitung in großem Maßstab kontrollieren.“
Dieser Atlas der KI von Crawford ist eine lesbare Einführung, ein grundlegender Text für jeden, der sich informieren will. Und damit bietet er genügend Gesprächsstoff, Grundlagen und Argumentationen für eine Debatte, die notwendig ist.
Marc-Uwe Kling: Views
Ullstein Verlag, 12 Euro (ISBN: 978-3-550-20299-5)
Für dieses Buch braucht es eine Triggerwarnung!
Ein Video taucht im Netz auf. Es zeigt die Vergewaltigung des seit drei Tagen vermissten Mädchens Lena durch Menschen mit Migrationshintergrund. Die Reaktionen folgen sofort: Rechte Gruppen fordern einen Heimatschutz, sie gehen auf die Straße und Gewalt, Mord, eskalierende Demonstrationen folgen.
Das Team des BKA mit ihrer Leiterin Yasir Saad kommt nicht weiter. Es gibt keine Herkunftsdaten des Videos. Aufnahmeort und Personen sind nicht zu finden. Bis sich eine verrückte Spur auftut: Könnte das Video KI-generiert sein?
Als ich das Buch zur Seite legte, musste ich erst mal nach Luft schnappen. Ein Gefühl zwischen Aufregung, Atemlosigkeit und einer Form von Hilflosigkeit bleibt nach dem Lesen dieser Geschichte zurück – einer Geschichte, die angesichts der Ereignisse in Solingen, der Reaktionen der Politik und rechter Gruppen eine ganz eigene Brisanz erhält.
Marc-Uwe Kling zeigt literarisch das, was Kate Crawford wissenschaftlich belegt. Er zeigt, wie Technologie unser Miteinander sowohl positiv wie negativ verändert, gesellschaftlich, politisch und kulturell. Und er fordert uns auf nachzudenken. Wie gehen wir mit den großen Fragen unserer Zeit um?
Kling lässt uns ahnen, was möglich ist, was heute schon geschieht, wie fragil unsere Gesellschaft angesichts der Technologie ist – und schreibt damit einen spannenden Thriller.
und sonst noch ...
.... Sara Weber: Das kann doch jemand anderes machen! Verlag Kiepenheuer & Witsch
... Tanja Carstensen / Simon Schaupp / Sebastian Sevignani (Hgg.): Theorien des digitalen Kapitalismus, Arbeit und Ökonomie, Politik und Subjekt. Verlag Suhrkamp.
... Vincent C. Müller & Martin Hähnel: Was ist, was kann, was soll KI? Ein philosophisches Gespräch. Verlag Meiner.
... Miriam Meckel / Léa Steinacker: Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können. Verlag Rowohlt.
... und viele weitere Bücher.
(Bücher kaufen sich am Besten in der kleinen inhaber:innengeführten Buchhandlung)

