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Darf man mit Limonade taufen? – Wenn der virtuelle Priester für Furore sorgt

18.07.2024 |

Eine katholische Evangelisierungsinitiative erstellt einen Priester-Avatar, der Fragen zum Glauben beantworten soll. Als die KI sich aber anmaßt, Aufgaben eines realen Priesters wahrzunehmen, häufen sich Proteste in den sozialen Netzwerken. Die in den USA ansässige Organisation muss einschreiten und der KI die priesterlichen Vollmachten wieder entziehen.

Im April dieses Jahres sorgte eine Nachricht in kirchlichen Kreisen für Aufsehen: Ein "KI-Priester" namens „Pater Justin“ wurde nach wenigen Stunden seines virtuellen Daseins wieder "laisiert". Was war geschehen?
 
Die katholische Organisation „Catholic Answers“, eine Evangelisierungsinitiative in den USA, hatte einen virtuellen Priester mit KI-Technologie geschaffen. Der animierte Avatar erschien auf ihrer Website als seriöser älterer Herr mit grauen Haaren im Collarhemd. Seine Aufgabe: Fragen zum katholischen Glauben beantworten. Basierend auf der Technik eines Large Language Models sollte Pater Justin mit Nutzern interagieren.
 
Berichten zufolge war der virtuelle Priester zunächst stark frequentiert, was „Catholic Answers“ als „vollen Erfolg“ wertete. Benutzer testeten intensiv das Programm und stellten die theologische Kompetenz des virtuellen Priesters auf die Probe. Dabei zeigte sich das bekannte KI-Phänomen des „Halluzinierens“: „Pater Justin“ erfand Antworten, statt auf Daten zu basieren. Die KI war offenbar mit einigen Fragen überfordert.
 
Manche Antworten waren zum Schmunzeln oder führten zu Streit über liturgische Spitzfindigkeiten, etwa ob man bei einer Nottaufe Limonade statt Wasser verwenden dürfe. Für Pater Justin kein Problem.
 
Bedenklicher waren die Probleme, die in sozialen Netzwerken aufkamen. Vielleicht könnte man akzeptieren, dass ein virtueller Priester Antworten zu Glaubensfragen gibt. Doch wenn die Kommunikation mit der KI den Charakter eines Seelsorgegesprächs annimmt und der virtuelle Priester behauptet, er sei von einem echten Bischof geweiht und habe Beichtvollmacht, geht das vielen zu weit.
 
Als die Kritik zunahm und die Reaktionen heftiger wurden, zogen die Betreiber die Reißleine. „Catholic Answers“ nahm Pater Justin zwar nicht vom Netz, aber sie „laisierten“ ihn. Justin beantwortet weiterhin Fragen zum katholischen Glauben, jedoch nicht mehr in priesterlichem Outfit.
 
Warum löste dieser virtuelle Seelsorger solch starke Reaktionen aus? Der sogenannte „Uncanny Valley”-Effekt, bekannt aus Filmen, liefert eine mögliche Erklärung. Dieser beschreibt, wie Menschen auf künstliche Figuren reagieren, die dem Menschen sehr ähnlich, aber nicht ganz echt wirken. Je menschenähnlicher eine künstliche Figur ist, desto positiver reagiert das Publikum zunächst. Nach einiger Zeit ändert sich die Wahrnehmung, und die fast perfekte, aber nicht ganz echte Darstellung löst Unbehagen aus.
 
Bei der Diskussion um KI in religiösen Kontexten geht es jedoch um mehr als nur visuelle Eindrücke. Es stellen sich Fragen zur eigenen Glaubensperspektive und zur Tradition und Lehre der katholischen Kirche: Ist ein Priester, der von einer KI simuliert wird, mit den eigenen Glaubensvorstellungen und dem Amtsverständnis der Kirche vereinbar? Und inwiefern unterscheidet sich die KI-Rolle eines Priesters von den sakramentalen Aufgaben eines realen Priesters? Ein KI-generierter Priester wie Pater Justin ist nicht wegen der Nachbildung eines realen Menschen heikel, sondern weil er Bereiche berührt, die dem sakramentalen Weiheamt der Kirche vorbehalten sind.
 
Bezüglich des Experiments „Pater Justin“ stellt sich die Frage: Ist der Einsatz solcher Technologien in religiösen Kontexten zielführend oder besonders in Bezug auf das sakramentale Amtsverständnis kritisch zu betrachten? Nach der „Laisierung“ des Chatbots, von Pater Justin hin zum Apologeten Justin, ebbte die Kritik ab. Der KI-Chatbot kann bis heute genutzt werden: https://www.catholic.com/ai
 
Das Experiment mit dem virtuellen Priester lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Technologie scheint sich auch im Bereich von Kirche und Glaubensvermittlung größtenteils zu bewähren. Geht es aber um sensible Bereiche wie Seelsorge und theologische Grundsätze, ist der Einsatz von KI eine Gratwanderung. Zwischen Technologieoffenheit und Festhalten an bewährten Traditionen gibt es Vieles abzuwägen. Der Fall von Pater Justin zeigt: KI und Kirche können zusammengehen. Diese Symbiose ist jedoch nicht unumstritten und erfordert großes Fingerspitzengefühl.
 
Ein Beitrag von Tanja Köglmeier, Fachstelle Medien & Digitales, Bistum Regensburg
 
Ansprechpartner

Josef Strauß

Fachreferent, 5.MD – Medien und Digitalität, Erzbistum München und Freising