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"Eternal You" – Unsterblich durch KI?

11.07.2024 |

Unsterblich durch KI? Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und Sprachaufnahmen oder Texten einer Person können Chatbots oder virtuelle Avatare einer Person erzeugt werden. Die "Digital Afterlife Industry" arbeitet daran, dass Angehörige nach dem Tod mit einer Art Nachbildung des Verstorbenen sprechen oder schreiben können. Forschungsprojekte und Filme greifen das Thema auf.

 
Der Wunsch des Menschen, über den Tod hinaus zu existieren, ist uralt. Schon immer fanden Menschen Wege, die Erinnerung an Verstorbene wachzuhalten. Früher geschah dies durch mündliche Überlieferungen, später durch schriftliche Zeugnisse oder Totenmasken.
 
Heute verlagert sich das Gedenken an Verstorbene zunehmend ins Digitale. Online-Trauerforen, Profilseiten Verstorbener im Internet oder Apps wie Grievy begleiten Trauernde und bewahren Erinnerungen.
Künstliche Intelligenz (KI) eröffnet nun neue Möglichkeiten. Digitale Simulationen von Personen, gespeist von Daten und repräsentiert durch Chatbots oder Avatare, schaffen Formen digitaler „Existenz“. In Filmen und der Unterhaltungsindustrie sind virtuelle Doubles oder Hologramme bereits beeindruckend umgesetzt. Man denke an die „ABBAtare“ der 3D-Show „Voyage“ in London. Für Wohlhabende bieten diese Techniken ein digitales Weiterleben nach dem Tod.
 
Anfang März 2024 diskutierten Teilnehmer der Tagung „Kirche im Web 2.0“ dieses Thema. Matthias Meitzler von der Universität Tübingen berichtete in seinem Vortrag „Existenz jenseits des Körpers – Digitale Unsterblichkeit durch KI? “ über ein Forschungsprojekt zum digitalen Weiterleben. Entwickler und andere Akteure haben das Thema längst aufgegriffen. Anbieter wie „Gone Not Gone“ oder „ETER9 bieten interaktionsfähige digitale Zwillinge und Virtual-Reality-Nachbildungen Verstorbener an. Mit diesen Avataren kann man sprechen oder schriftlich kommunizieren. Sie sehen aus wie die verstorbene Person und imitieren deren Stimme und Eigenschaften.
 
Meitzler analysierte zwei Tendenzen im Umgang mit Tod und Trauer: „Delokalisierung“ – Trauer löst sich von festen Orten, und „Dekorporalisierung“ – digitale „Ersatzpersonen“ ermöglichen den Kontakt mit Verstorbenen. Trauerarbeit verlagert sich von der Bearbeitung des Verlusts hin zur Fortsetzung von Beziehungen.
Die Forschung zum digitalen Weiterleben untersucht auch die Grenzen und Fragen der Technik. Ermöglichen Avatare und Bots eine Flucht in eine Scheinrealität, die den Tod nicht akzeptiert? Besteht die Gefahr, dass der digitale „Ersatz“ wie eine Droge wirkt, die Trauer und Schmerz betäubt? Kann ein aus Daten generiertes „Subjekt“ die Persönlichkeit eines Menschen nachbilden? Geht es darum, jemanden wiederzuhaben oder neu kennenzulernen? Was passiert mit den Daten, die als Ausgangsmaterial dienten?
 
Die Wirksamkeit und Gefahren solcher Technik sind empirisch noch wenig erforscht, stellte Meitzler fest. Trauerprozesse verlaufen individuell und erfordern Sensibilität. Trauer entwickelt eine Dynamik, bei der sich Bedürfnisse ändern können. Die Technik wird sich weiterentwickeln, doch gesellschaftliche, kulturelle und ethische Dimensionen dürfen nicht übersehen werden. Es gilt, die Absichten zu hinterfragen: „Geht es um digitale Permanenz oder um temporäre Reminiszenz?“
 
Am 20. Juni 2024 kam der Dokumentarfilm „Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit“ in die deutschen Kinos. Die 87-minütige Dokumentation berichtet über Pioniere einer Technologie, die den Tod überwinden soll. Die Folgen für erste Nutzer sind unvorhersehbar und überraschend. Die Startups übernehmen dafür keine Verantwortung.
Die Regisseure Hans Block und Moritz Riesewick erklären auf der Filmpage ihre Absichten: „Menschen wenden sich von Religionen ab und sehnen sich nach neuen, weltlichen Heilserzählungen gegen die Erbarmungslosigkeit des Todes. Tech-Unternehmen füllen diese Lücke und verwickeln Trauernde in ein Experiment am offenen Herzen. Wir wollen mit unserem Film eine Debatte eröffnen, wie weit KI in unser Leben vordringen soll – vor und nach dem Tod.“
Der Film wird einige Wochen nach der Kinoauswertung über das Medienportal der evangelischen und katholischen Medienzentralen für Bildungszwecke verfügbar sein. (Trailer)
 
Ansprechpartner

Josef Strauß

Fachreferent, 5.MD – Medien und Digitalität, Erzbistum München und Freising