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Rezension zu "Kirche digital"

14.09.2023 |

"Kirche digital. Best Practice – nicht nur für Krisenzeiten."
Die Krise – gemeint ist hier die Corona-Krise – ist vorbei. Ist die Lektüre des Werkes der beiden Autoren Hanno Rother und Christian Kuster auch nach der Krise noch gewinnbringend, wie im Untertitel behauptet? Das ist die Frage, auf die diese Rezension eine Antwort geben will. Insofern ist es berechtigt, dass eine kritische Besprechung erst ca. 2 Jahre nach Erscheinen des Buches erfolgt.

Doch nur für Krisenzeiten? – Eine Rezension zum Buch „Kirche Digital. Best Practice – nicht nur für Krisenzeiten“
 
Neben einer gewissen Nachhaltigkeit ("nicht nur für Krisenzeiten"), kündigt der Titel des 144 Seiten umfassenden und bereits 2021 während der Corona-Pandemie im Verlag Katholisches Bibelwerk erschienenen Buches an, dass es konkrete und gelungene Beispiele katechetischer bzw. pastoraler Arbeit mit digitalen Medien vorstellt. Es soll um digital-pastorale Initiativen gehen, die in der Corona-Krise möglicherweise aus der Not heraus entstanden sind, sich aber bewährt haben und nachhaltig weiterwirken. Der übergeordnete Titel „Kirche digital“ impliziert, dass reflektiert wird, wie Kirche die Möglichkeiten digitaler Medien in ihren Arbeitsfeldern gut nützen kann. Eine tiefergehende theologische Reflexion des Verhältnisses von Digitalität und Kirche scheint nicht intendiert zu sein. (Diesbezüglich sei auf das umfassende Werk „Theologie und Digitalität“ verwiesen, das ebenfalls 2021 im Herder-Verlag erschienen ist.)
 
 
Die Vorüberlegungen (Kapitel I), die Hanno Rother voranstellt, gehen auf einige zentrale Aspekte ein, die Kirche kennzeichnen: Große Differenziertheit, Orientierung an Grundvollzügen, eine lange Geschichte und die Frage nach den Zeichen der Zeit, die heute, wie der Autor es im Text folgerichtig ausführt, in Überlegungen zum Internet-Zeitalter und über den Gebrauch der sozialen Medien münden muss. Er schlägt vor, die digitalen Räume erst einmal zu erkunden und im Modus des Fragens, Lernens und Hörens aktiv zu sein.
 
In zwei weiteren vorangestellten Kapiteln (II + III) informieren Rother und Kuster, bevor es um digital-pastorale Praxis geht, allgemein über wichtige Bedingungen des digitalen Raums und technische Voraussetzungen der Nutzung digitaler Medien.
 
Die in den Einschränkungen des Corona-Lockdowns meistverwendete und für die Kommunikation unter Distanzregeln hilfreichste digitale Anwendung war vermutlich die Videokonferenz (Kapitel IV). Einige praktische Erwägungen für dieses Format als erstes praktisches Kapitel an den Anfang zu stellen, ist insofern gut begründet. Christian Kuster stellt darin zunächst einige der gängigen Programme vor, bevor er praxisbezogene Tipps gibt, worauf bei der Gestaltung einer Videokonferenz zu achten ist: von der guten Beleuchtung über ein gepflegtes und höfliches Auftreten bis hin zur Aktivierung der Teilnehmer.
 
Wenn im nachfolgenden Kapitel (V) behauptet wird, die sozialen Medien seien für die Kirche ein „Experimentierfeld“, ist das m. E. richtig analysiert. Außer den offiziellen diözesanen Kanälen gibt es einige bekannte digital-pastorale Initiativen, z. B. „Netzgemeinde DA_ZWISCHEN“, „Faithpwr“, „ruach.jetzt“, „feministisches andachtskollektiv“. Ansonsten dürfte es zutreffen, dass Einzelne oder Kirchengemeinden „experimentieren“, wie sie die Netzwerke für kirchliche Zwecke nützen können. Hanno Rother führt einige Gründe an, weshalb sich Kirche mit den Herausforderungen von Social Media immer noch schwertut, weist auf zu beachtende „Spielregeln“ der Netzwerke hin, sieht aber durchaus wertvolle Chancen, die ein Engagement in diesen Medien lohnend erscheinen lassen. Einige der gängigsten und neuere, angesagte Trendnetzwerke werden im Weiteren mit ihren jeweiligen Besonderheiten, wie Zielgruppe, Beitragserstellung, etc. vorgestellt.
 
In, die eigene Praxis reflektierenden Ausführungen zum Thema Online-Gottesdienst (Kapitel VI) begründet Rother, welche Gottesdienstformen er für eine Online-Übertragung für geeignet hält und welche nicht. Er plädiert in seinen zum Teil persönlich gehaltenen Darlegungen außerdem dafür, analoge Formate nicht eins zu eins in digitale Formate zu übernehmen, sondern je nach Programm und Medium Anpassungen vorzunehmen und flexibel zu sein in der Gestaltung von Online-Gottesdiensten. Es ist ein mediendidaktischer Grundsatz, den der Autor damit beherzigt, dass nämlich Inhalt, Format und Medium aufeinander abgestimmt werden. Rother geht bei den Ausführungen zur technischen Umsetzung und Durchführung von Gottesdienst-Livestreams wesentlich tiefer ins Detail, als es in den anderen Kapiteln zu digital-pastoraler Praxis der Fall ist. Beispielsweise schreibt er ausführlich über die erforderliche WLAN-Bandbreite für die Übertragung, nennt Vor- und Nachteile verschiedener Streaming-Portale und erklärt, wie man mit biblischen Texten arbeiten könnte. Zusätzlich fügt er dem Kapitel eine Schritt-für-Schritt-Anleitung wichtiger Vorbereitungen mit Beispielen einzelner „Szenen“ der Struktur eines Online-Gottesdienstes an.
 
Das kurze VII. Kapitel handelt von Möglichkeiten, mittels digitaler Medien direkte Kommunikation unter Gläubigen zu ermöglichen und den digitalen Raum für Gemeinschaftserfahrungen zu nützen. Als Beispiele werden u. a. Chat und Videokonferenz genannt und ein Gestaltungsvorschlag für Online-Bibelarbeit ausgeführt.
 
Sicher nicht erst während der Corona-Krise aufgekommen sind Newsletter und Pfarreiwebsite, um die es in Kapitel VIII geht. Diese für die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit wichtigen Informationsinstrumente sind mittlerweile in (nahezu) allen Pfarreien bzw. Pfarrverbünden und kirchlichen Institutionen eingerichtet und etabliert. Insofern hätte eine Erwähnung dieser "Werkzeuge" ausgereicht. Vor allem sind einige technischen Details in den Ausführungen überflüssig. Interessanter wäre gewesen, an dieser Stelle neu einzubindende Tools vorzustellen, die „Inhalte teilen im digitalen Raum“ ermöglichen bzw. unterstützen, z. B. digitale Pinnwände, Mindmap-Tools, Feedback-Tools oder digitale Whiteboards.
 
Ein Sammelsurium unterschiedlicher Textbeiträge ist das Kapitel „Digital durch den Jahreskreis“ (IX.). Es enthält zwar viele, durchaus brauchbare Ideen und praktische Anregungen, aber das Kapitel wirkt in Teilbereichen so, als wären es Vorschläge für eine seelsorgliche Begleitung in Krisenzeiten, statt der an dieser Stelle zu erwartenden Best Practice-Beispiele im Sinne von Kirche digital. Der Hinweis, Predigten on Demand zur Verfügung zu stellen, wäre sinnvoller mit praktischen Tipps zur technischen Umsetzung ergänzt worden, als mit dem ausformulierten Predigtvorschlag (vgl. S. 89-95).
Mitunter scheint der Autor, Christian Kuster, vor Begeisterung über die Vielfalt seiner Ideen und gelegentlichem Schwelgen in pastoralen Gedanken, das eigentliche Thema das Buches aus den Augen verloren zu haben, wenn er z. B. „…eine Wanderung mit Abstand im Schnee...“ als Methode vorschlägt (S.95), oder ins Schwärmen gerät über die Entdeckung einer blühenden Schneerose (S. 96).
Zielführender für dieses Kapitel wäre gewesen, sich auf die Aufzählung digital-pastoraler Methoden bzw. Ideen zu beschränken, wie es beispielsweise bei den Vorschlägen zu Advent und Weihnachten gelungen ist (S. 99f.), und mögliche Inhalte von Predigten oder anderen pastoral-liturgischen Texten lediglich zu skizzieren.
Mit etwas mehr Konzentration auf tatsächliche Best Practice-Beispiele wäre es vielleicht vermeidbar gewesen, in vorausgegangen Kapiteln eingeführte Grundsätze, Inhalte mediengerecht zu verwenden, zu missachten. Das nämlich macht der Autor, indem er für die Gestaltung des Aschermittwochs eine seitenlange „Botschaft“ vorstellt, die „…per WhatsApp, Instagram, Facebook oder Mail…“ (S. 100) verbreitet werden soll.
 
In Kapitel X, in dem es um „rechtliche Aspekte“ geht, werden zwar Angelegenheiten des Urheberrechts, bzgl. der Zitation von Texten bzw. der Verwendung von Bild-, Audio- und Videodateien angeführt, aber das wesentliche Thema Datenschutz, das es bei der Benutzung digitaler Medien immer zu beachten gilt, wird völlig außen vorgelassen.
 
Das Glossar (Kapitel XI) und die Link-Liste (Kapitel XII) am Ende sind im Zusammenhang des Buches hilfreich, das sich eher an Einsteiger in digital-kirchliches Arbeiten richten dürfte. Auch wenn dies von den Autoren nicht ausdrücklich so formuliert wurde.
 
Die Ausführungen von Hanno Rother und Christian Kuster konnten für „Digital Newcomer“ während der Krise (und auch danach), die den „…Sprung ins recht kalte Wasser der digitalen Pastoral…“ (S. 11) wagten, sehr hilfreich sein. Wesentliche Aspekte digital-pastoraler Möglichkeiten sind behandelt und praxisnah für eine schnelle Umsetzung aufbereitet. Für digital Erfahrene, die nach Anregungen suchen, wie Kirche digital zeitgemäß verwirklicht werden kann, bietet der Band kaum Impulse. Es wird zwar im Text darauf hingewiesen, dass Analoges nicht einfach ins Digitale umgesetzt werden soll (S.57), die Best Practice-Beispiele gehen aber kaum über diesen eigentlich zu vermeidenden Modus hinaus. Es gibt keine Beispiele für gelungene neue Formate, die den herkömmlichen Vorschlag, soziale Netzwerke zur kirchlichen Kommunikation zu nützen, kreativ erweitern.
 
Wie oben erwähnt, geht es den Autoren offensichtlich nicht um eine vertiefende Reflexion der Möglichkeiten von Kirche in der Digitalität. Dennoch bin ich der Meinung, dass ein Werk mit diesem Titel Entwicklungen einer digitalen Kirche, die bereits geraume Zeit vor der Corona-Krise begonnen haben, nicht ganz außer Acht lassen und das Thema grundlegender angehen sollte. Statt der etwas kryptischen und zusammenhanglosen Einleitungsgedanken über das Kirchenverständnis und der unklar gebliebenen Bedeutung des kirchengeschichtlichen Aufbruchs in Bezug auf Kirche digital, wäre eine begriffliche Abgrenzung hilfreich gewesen. So ist ein Schwachpunkt, der sich durch die verschiedenen Kapitel durchzieht, dass zu wenig zwischen Formaten unterschieden wird, die eher dem Sektor Öffentlichkeitsarbeit zuzurechnen und welchen, die tatsächlich digitale Kirche verwirklichen bzw. Formen der Glaubenskommunikation im digitalen Zeitalter.
 
Die Qualität der Texte lässt in den hinteren Kapiteln (bezogen auf VIII – X) auffällig nach: Die Ausführungen zu Newsletter und Website könnten kürzer ausfallen, weil diese Formen der Kommunikation längst etabliert und flächendeckend eingerichtet sind. Die Text-Beispiele in den Vorschlägen entlang des kirchlichen Jahreskreises sind, wie oben erläutert, mängelbehaftet. Und bei den Rechtsaspekten fehlt das entscheidende Thema Datenschutz.
 
„Kirche digital“ ist für Akteure, die einen schnellen, übersichtlichen Einstieg in digital-pastorales Arbeiten suchen geeignet. Die entfalteten Themen informieren grundlegend, bieten jedoch für Personen, die in der „Materie“ schon eine gewisse Erfahrung haben, kaum Vertiefendes oder Weiterführendes. Insofern ist mein Fazit: Nicht ausschließlich für Krisenzeiten, aber auch nicht viel darüber hinaus.
 
Josef Strauß, 14.09.2023
Rezensent

Josef Strauß

Fachreferent, 5.MD – Medien und Digitalität, Erzbistum München und Freising