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Trauer im Internet

07.09.2023 |

Das Internet bietet Raum für Trauer und durch die Nutzung digitaler Medien verändern sich Trauerformen und -Rituale. Diese Entwicklung hat Auswirkungen für Trauerpastoral und Seelsorge aber auch auf den ganz persönlichen Umgang mit Tod und Trauer von einzelnen Internet- bzw. Social Media-Usern.

Digital trauern – geht das? Die Entwickler:innen des angeblich ersten digitalen Trauerbegleiters, der App GRIEVY, bejahen diese Frage. GRIEVY ist ein modular aufgebauter digitaler Trauerbegleit-Service (ausführlicher zu GRIEVY). Die App ist ein aktuelles Beispiel einer Entwicklung, die seit einigen Jahren vonstattengeht: Immer mehr Lebensbereiche haben sich im Zuge der andauernden digitalen Transformation zumindest zum Teil ins Internet verlagert. Das trifft auch auf unseren Umgang mit dem Tod zu.
 
Das Thema Tod und Trauer ist in vielen Bereichen des Internets präsent: Tageszeitungen begannen damit, ihren Anzeigenbereich im Netz zu erweitern und schufen Möglichkeiten zur Online-Kondolenz. Auf diesen Seiten kann beispielsweise virtuell eine Kerze angezündet oder eine Beileidsbekundung hinterlassen werden. Bereits in der Anfangsphase des allgemein zugänglichen Internets stellten auch Privatpersonen Gedenkseiten für Verstorbene online; häufig mit Foren, in denen ein schriftliches Andenken für die Toten hinterlassen werden konnte. Eine Plattform dafür bietet z. B. gedenkseiten.de.
Relativ schnell erkannten viele Akteure im Bereich des Trauerwesens das Potenzial des Internets und gründeten seit den 1990er-Jahren Online-Trauerportale. Bekannt sind Seiten wie trauer.de, trauernetz.de oder auch digital-danach.de, eine Seite für digitalen Nachlass, Online-Trauer und Gedenken im Netz. Eine geeignete Gedenkseite für Jugendliche ist klartext! vom Kinder- und Jugendhospiz Balthasar in Olpe.
 
Zu den Vorreitern digitaler Trauer darf man die Gamer zählen, die sich z. B. gemeinsam beim Tod eines Mitspielers an einem virtuell konstruierten Grab (z. B. in Minecraft) einfinden und dort Trauerrituale pflegen.
 
Mit dem Einfließen ins Internet und in soziale Medien verändern sich Trauerformen und Trauerrituale. Die althergebrachten Konventionen und Formen verlieren im Netz an Bedeutung. Die „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder) erfordert und bringt neue Formen des Umgangs mit Tod und Trauer hervor. Einige Beispiele: Im Internet oder in sozialen Netzwerken können sehr große „Trauergemeinden“ mit zum Teil millionenfacher Kondolenz entstehen. Eine weitere Tendenz ist, dass Trauerprozesse sich verlängern: Angehörige halten mitunter über Jahre „Kontakt“ und sprechen Verstorbene mit persönlichen Texten in Trauerforen an. Ein relativ neuer Trend kann sogar den Effekt erzeugen, dass Verstorbene weiterhin virtuell anwesend sind: Softwarebasierte Avatare sehen aus wie Verstorbene und repräsentieren deren persönliche Eigenschaften möglichst authentisch. Gewissermaßen ersetzen sie damit traditionelle christliche bzw. religiöse Vorstellungen vom Jenseits.
Trauer verändert sich; ihre Formen werden im Internet individueller, differenzierter, interaktiver, dynamischer und persönlicher, stellt der Soziologe und Trauerforscher Thorsten Benkel (Universität Passau) in einem Interview mit der taz am Wochenende fest. Im Internet könne jeder trauern, wie er möchte. (Thorsten Benkel, taz-Interview)
 
Die Beliebigkeit und das Fehlen von eingeübten Trauerritualen im Netz können jedoch auch verunsichern. Wie kann Trauer in sozialen Netzwerken so mitgeteilt werden, dass sie nicht aufdringlich oder als übergriffig empfunden wird? Wie soll man angemessen und pietätsvoll auf einen im Netzwerk angezeigten Todesfall reagieren? Sind Stillhalten und sich gar nicht melden angebracht? Werden Emojis mit einem traurigen Gesicht oder ein anderes Symbol für Trauer richtig verstanden? Oder soll man besser doch versuchen eigene Gedanken zu formulieren?
In Bezug auf pietätsvolles Verhalten im Netz und in Social Media müssen wir uns die Kulturtechniken zum Teil erst aneignen. Bewährt hat sich z. B., orientiert an Reaktionen kollektiver Trauer auf Todesfälle Prominenter, eine kurze Würdigung des oder der Verstorbenen in persönlichen Worten; das Teilen von gemeinsamen Erlebnissen, von Erinnerungen, Anekdoten, etc. Für die richtige Form des Trauerns im Internet, speziell in sozialen Netzwerken, gibt es jedoch keine Patentrezepte. Man kann sich aber an als persönlich angemessen empfundenen Beispielen orientieren und gemeinsam mit der Community lernen und passende Formen finden.
 
Von ihrer eigenen Zielsetzung her eignen sich soziale Medien als Interaktions- und Kommunikationsraum für Trauer gut. “Trauer ist wesentlich ein Beziehungsgeschehen, von daher bietet es sich an, Trauer als ein Resonanzgeschehen zu begreifen. Das Internet ist ein Medium neben anderen, das Resonanzerfahrungen ermöglichen kann.“ (Carmen Berger-Zell, Trauerseelsorge im Internet, S. 58)
Wer seiner persönlichen Trauer in sozialen Medien Ausdruck verleihen möchte, kann dies in vielfältiger Weise tun und seinen Beitrag über soziale Netzwerke teilen. Mit den in den Programmen enthaltenen Optionen, Musik, kurze Videos, Bilder, sowie geteilte oder selbst verfasste Texte einzubinden, kann der Trauer oder Anteilnahme Ausdruck verliehen werden. In den Netzwerken können spontan, oder auch organisiert und begleitet, Trauer-Selbsthilfegruppen entstehen.

Wer in Trauer professionellen Rat und Begleitung sucht, muss sich heutzutage nicht unbedingt an einschlägige Portale wenden. In Plattformen wie Instagram oder auch in TikTok findet man relativ schnell geeignete Ansprechpartner. „Es gibt mittlerweile zahlreiche Pastoren und Pastorinnen und andere kirchliche Menschen mit Seelsorgeausbildung, die auf Social Media Gesicht zeigen, die ansprechbar sind und die Menschen in ihren jeweiligen Lebensumständen begleiten, einfach, indem sie dauerhaft präsent sind.“ (Carola Scherf, Digitale Tränen, S. 52) Mit einem trauerpastoralen Anliegen kann man sich aber auch an bewährte kirchliche Social Media Angebote wie z. B. Faithpwr, der Netzgemeinde „Da_Zwischen“ sowie an die Internetseelsorge wenden. Alternativ und als schnell verfügbare Hilfe gibt es die erwähnte App „Grievy“, mit der man seinen eigenen Trauerprozess individuell gestalten und dabei anonym bleiben kann.
 
Abschließend ist festzustellen: Tod und Trauer wurden immer schon in Kunst, Musik, Film und Literatur medial bearbeitet. Das Internet erweitert und individualisiert diese Möglichkeiten privater und öffentlicher Trauer maßgeblich.
 
Weitere Beiträge zum Thema:
 
Literatur:
Baumann, Marc: Das tut mir like, SZ Magazin, Heft 2/2021, online: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/internet/trauer-social-media-89717 (20.03.2023).
Benini, Sandro: Tod und Trauer im Internet. Was Angehörige tun, damit Verstorbene „anwesend bleiben“, Internet-Essay in Tagesanzeiger (CH) vom 07.03.2023, online: https://www.tagesanzeiger.ch/die-verstorbenen-bleiben-anwesend-504381353289 (05.09.2023)
Berger-Zell, Carmen: Trauerseelsorge im Internet, in: Leidfaden, Heft 1/2020, Göttingen 2020, S. 58-61.
Scherf, Carola: Digitale Tränen, in: Leidfaden, Heft 1/2020, Göttingen 2020, S. 51-53.
Schrupp, Antje: Digitale Trauer – „Du kanntest diese Person doch gar nicht“, Zeit Online: https://www.zeit.de/kultur/2022-11/digitale-trauer-tod-soziale-medien-umgang-sterben?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F (20.03.2023).
taz.am wochenende: „Im Internet gibt es keine Regeln“, Interview mit dem Soziologen Thorsten Benkel, https://taz.de/Friedhofsforscher-ueber-digitale-Trauer/!5243902/ (20.03.2023).
 
Hinweis: Der vorliegende Artikel erschien ursprünglich (leicht verändert) in: Sterben - Tod - Trauer. Meine Wege. Deine Wege. Unser Leben! (KLJB-Werkbrief Juli 2023), S. 16-18.
 
geschrieben von

Josef Strauß

Fachreferent, 5.MD – Medien und Digitalität, Erzbistum München und Freising